Filmkritik: Alles steht Kopf

© Pixar
Jedes Mal wenn ein neuer Film von Pixar erscheint toben sich die meisten Zuschauer aus und ordnen ihre Rangfolge der besten Filme vom Studio mit der Lampe neu an. Und während Pixarfilme, die sich tatsächlich um Menschen drehen, wie beispielsweise "Merida", immer noch sehr schön anzuschauen sind brilliert das Studio vor allem dann, wenn es uns die Sicht auf etwas anderes ermöglicht. Was wäre, wenn Spielzeug Gefühle hätte? Was wäre, wenn Autos sprechen könnten, wenn Fische nicht nur stumm im Meer unterwegs sind? Eine der größten Stärken des Studios ist es dann auch, sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichermaßen anzusprechen. Dass man formal Disney untersteht schimmert ebenfalls durch, dennoch lässt sich sicher sagen: Pixar ist weitaus mutiger als das Haus mit der Maus es vorgeben würde. Da wird dem Publikum auch gerne mal ein kleiner Roboter vorgesetzt und gut 50 Minuten kein Wort auf der Leinwand verloren. Da ist die Vorgeschichte zum eigentlichen Film, in dem ein Paar sich kennenlernt und viele Jahrzehnte später feststellen muss dass es zu spät für all die geplanten Abenteuer ist, dermaßen ergreifend dass die Durchschnittlichkeit des restlichen Films komplett von den ersten 15 Minuten überschatten wird. Und nun folgt mit "Alles steht Kopf" der neueste Geniestreich und, wenn ich das mal so vorwegnehmen darf, der in meinen Augen beste Film, den Pixar bisher produziert hat. Wieso das so ist? Lest weiter und findet es heraus. 

Story: Im Kopf der elfjährigen Riley geht es turbulent zu. Fünf Emotionen, verkörpert durch kleine Figuren, versuchen sie durch ihren Alltag zu leiten. Freude möchte, dass es ihr immer gut geht. Ekel bewahrt Riley vor körperlichen und mentalen Vergiftungen, Angst passt auf dass es nicht zu gefährlich wird, und Wut ist vor allem auf Gerechtigkeit aus. Nur Kummer weiß nicht so recht, was ihre Aufgabe ist, und die anderen Emotionen halten sie so oft es geht vom Kontrollpult fern. Als Riley mit ihren Eltern umziehen muss und Freude und Kummer durch ein Unglück mit ein paar wichtigen Erinnerungen verschwinden beginnt eine Reise durch die Gefühlswelt, von der vieles abhängt. Die Kernerinnerungen müssen zurückgebracht werden, die Emotionen müssen lernen im Team zu arbeiten um Riley zu helfen und aus den abgelegenen Winkels ihres Gehirns, wie beispielsweise dem Langzeitgedächtnis, zu entkommen.
Die Emotionen in der Schaltzentrale © Pixar
Kritik: Vorrangig wird der Film durch die Trailer als Komödie verkauft. Das ist, in meinen Augen, eine der größten Fehlleitungen der letzten Jahre. Sicher, "Alles steht Kopf" ist für ein paar Lacher gut. Kleine Kinder die keinen Broccoli essen wollen und dann nur durch ein "Flugzeug" wieder beruhigt werden können, kennen wir alles schon. Der für Pixar typische Humor der sowohl kleine Kinder, Jugendliche und Erwachsene, oft gleichzeitig durch vielschichte Szenen, anspricht, ist vorhanden. Und doch schimmert auch hier schon durch, was dann später immer deutlicher wird: "Alles steht Kopf" zapft im großen Stil die Erinnerungen an, die so ziemlich jeder Zuschauer an seine eigene Kindheit hat. Wir hatten imaginäre Freunde, wir haben uns die abgedrehtesten Sachen einfallen lassen und Spielzeuge mit Leben erfüllt. Aber es gab auch schwierige Zeiten. Wenn man umziehen musste, dann wurde man aus seinem Umfeld gerissen. Freundschaften zerbrachen, man war allein, fühlte sich isoliert, man hat Heimweh. Darüber mit den eigenen Eltern zu reden war schwierig, weil man nicht wusste was man beschreiben soll. Und viele Eltern sind ebenfalls nicht in der Lage ihren Kindern verständlich zu machen, wieso manche Dinge eben passieren. Es ist als ob eine Barriere zwischen beiden wäre, und am Ende bleiben leere, tröstende Worte. Eine ganz alltägliche Situation, die so jeden Tag irgendwo auf der Welt vorkommt, und die so banal erscheint dass man denken würde, man müsse nicht darüber reden. Und genau hier setzt "Alles steht Kopf" an. 

Wenig erfreuliches Abendessen mit der Familie © Pixar
Schauen wir nochmal "Oben" an, der übrigens vom gleichen Regisseur wie dieser Film hier stammt. Die ersten 15 Minuten des Films hinterließen einen enormen Eindruck beim Publikum, denn sie reduzierten eine langjährige Ehe auf wenige Schlüsselmomente. Schlüsselmomente, die unser weiteres Leben definieren, die unsere Entscheidungen beeinflussen und uns formen. "Alles steht Kopf" nimmt sich dieser Prämisse an, fokussiert sich aber auf einen ganz entscheidenden Moment im Leben: den Übertritt von der Kindheit in die Jugend. Es ist ein aufwühlender Prozess, einer an den man sich erinnert, einer von dem die Eltern einem Jahren später noch erzählen, denn man war schrecklich. Stimmungsschwankungen die man nicht erklären kann, eine Miniversion einer manisch-depressiven Phase die über Jahre immer wiederkommt. Pubertät ist das reinste Chaos, und eigentlich bleibt am Ende nicht viel mehr als das ganze auszusitzen. Riley befindet sich in dieser Phase, und weil das allein nicht stressig genug ist kämpft sie mit den Folgen des Umzugs in die Großstadt. Die Eltern sind ihr keine Hilfe, denn niemand im Film weiß, wie man diese Dinge bespricht. Es ist eine bedrückende Hilflosigkeit, die sich auf beiden Seiten wiederfindet, hier ist jeder mit jedem und vor allem mit den ungewohnten Emotionen, die empfunden werden, überfordert.

Dabei hat man es hier mit zwei Welten zu tun. Während bei Pixar oft abstraktes im Vordergrund steht geht es hier sehr figurativ zu. Die Außenwelt, in der Riley sich bewegt, entpricht exakt unserer eigenen. Hier passiert nichts, was nicht absolut alltäglich wäre. Und auch in Rileys Kopf sind die Figuren, die Landschaften, die einzelnen Bestandteile letztlich Repräsentationen von Gefühlen jeder Art. Seien es die tatsächlichen Emotionen, die als antropomorphe Wesen für Ordnung sorgen wollen, oder ein Wald aus Broccoli, den man lieber nicht betreten will: all diese Faktoren lassen "Alles steht Kopf" außergewöhnlich wirken. Weniger wie einen Abenteuerfilm, sondern mehr wie eine Art Traum, den man nur schwer greifen kann. Ein Traum, der sich permanent verändert und wächst, bei dem ganze Teile plötzlich verschwinden können und wo längst vergessenes wieder an die Oberfläche treten kann. Am Ende geht es darum, dass keine Emotion für sich allein stehen kann, dass es in Ordnung ist nicht immer fröhlich zu sein. Es wird betont, dass eine einzige Erinnerung Platz für mehr als nur Trauer oder Freude bieten kann und sollte, und dass nichts daran falsch ist diesen Emotionen freien Lauf zu lassen. 

Freude unterwegs im Langzeitgedächtnis © Pixar
Und hier verbirgt sich dann auch die größte und wichtigste Botschaft, die dieser Film übermittelt. Uns wird für gewöhnlich in Ratgebern und von anderen Leuten eingetrichtert, dass wir unsere Gefühle jederzeit kontrollieren können, dass es nur an uns und unserer Willenskraft liegt und wir uns nur entscheiden müssen, glücklich zu sein. "Reiß dich zusammen, wenn dich jemand beleidigt dann vergib ihm und du wirst zufrieden sein". Vielleicht haben wir keine Kontrolle über unsere Gefühle, aber wir können entscheiden, wie wir mit unseren Emotionen umgehen wollen. "Alles steht Kopf" verzichtet auf diese frustrierenden Ratschläge. Der Film akzeptiert die Tatsache, dass seine Protagonistin zutiefst traurig und vor allem einsam ist. So wie einige Erinnerungen in einem tiefen Abgrund gefangen sind, so ist Riley in ihrem eigenen, traurigen Tal gefangen. Und wir alle wissen: da gibt es keinen magischen Knopf den man drücken kann um auf einen Schlag glücklich zu sein. Das herauskämpfen aus einer Depression ist ätzend, es dauert, es gibt Rückschläge, es ist alles andere als einfach. In diesem Film wird Rileys Angst und Einsamkeit niemals als lächerlich abgestempelt, es wird sich niemals darauf berufen dass sie ja "nur" ein Kind ist. Indem sich, anders als beispielsweise bei Disney, wo die weiblichen Protagonisten im Allgemeinen damit beschäftigt sind über irgendwelche Prinzen nachzudenken, mit einer jüngeren Hauptfigur beschäftigt wird ist es möglich sich auf etwas anderes als die ausgelutschte "erste große Liebe" Nummer zu konzentrieren. Riley ist keine Prinzessin, keine Heldin, sie ist ein ganz normales Mädchen und bietet damit eine Menge Identifikationsfläche.

Dass in ihrem Kopf die Freude permanent versucht, Kummer zurückzuhalten spiegelt die Einstellung der Gesellschaft, nur glückliche Menschen sehen zu wollen. Es erfüllt Menschen mit Verwirrung und Ablehnung, wenn jemand offen betrübt ist. Man weiß nicht wie man damit umgehen soll, und sowohl Menschen als auch Freude in Rileys Kopf versuchen, Kummer auszusperren und zu unterdrücken. Der Betroffenen wird so die Möglichkeit genommen, alle Gefühle zuzulassen, es kann faktisch keine Auseinandersetzung mit dem Trauma geschehen. Am Ende wird allen Beteiligten, sowohl in Rileys Kopf als auch ihrer Umwelt, klar dass es so nicht funktioniert. Kummer als Emotion wusste um ihre eigene Wichtigkeit und brach sich kathartisch den Weg an die Oberfläche. Ein emotional gesunder Mensch hat, ganz grob vereinfacht, seine Gefühle in Einklang miteinander gebracht, lässt die richtigen Emotionen zum richtigen Zeitpunkt dominant sein. Alles was Riley gefehlt hat war das Zulassen von Trauer. Trauer ist ein elementarer, gesunder Bestandteil der Psyche, und wenn man nur eine Sache aus diesem Film mitnehmen will, dann doch bitte dass es in Ordnung, manchmal sogar notwendig, ist, traurig zu sein.
Die Inseln mit wichtigen Erinnerungen © Pixar
Visuell ist "Alles steht Kopf" ein wundervoller Abenteuerspielplatz. Der Ideenreichtum, die Vielseitigkeit und die Kreativität die in die Erschaffung der Gedankenwelt geflossen sind, sind unfassbar. Es gibt für die Kernerinnerungen Inseln, und eine Szene später im Film, die diese Inseln beinhaltet, ist so dermaßen verstörend und ergreifend dass man automatisch zum Taschentuch greift. Es gibt surrealistische und kubistische Elemente, eine Art Müllhalde für unwichtige Erinnerungen wie Telefonnummern, eine imaginäre Jugendliebe, einen Drehort für Träume (an dem allgemeine Träume via Poster als Blockbusterkino beworben werden) und generell ist der Aufbau des Gehirns, auf den sich hier konzentriert wird, einfach nur bombastisch. Wer sich generell gerne mit Animationsfilmen beschäftigt dürfte hier ordentlich zu knabbern haben, denn Pixar verneigt sich vor so vielen verschiedenen Stilen dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Mittendrin ist Bing Bong unterwegs, eine der vermutlich tragischsten Figuren jemals in einem Film. Ich will gar nicht zu viel über ihn verraten, aber so viel sei gesagt: danach möchte man sein Lieblingskuscheltier wiederfinden und ganz fest an sich drücken. Was hier erschaffen wurde ist eine wundervolle Welt und man kann den Film problemlos mehrfach ansehen, nur um alles zu entdecken. Michael Giacchinos Soundtrack verleiht den Bildern eine emotionale Tiefe die kaum noch greifbar ist.

Fazit: Mit "Alles steht Kopf" ist Pixar etwas wirklich Außergewöhnliches gelungen. Überbordend kreativ und ideenreich wird hier die Welt eines jungen Mädchens unter die Lupe genommen. Der Fokus auf ein aus Erwachsenensicht vielleicht banales Ereignis wird zum Anlass genommen eine wichtige Botschaft zu übermitteln. Es ist in Ordnung, auch mal etwas anderes als Freude zu empfinden. Visuell ist das, wie man von Pixar gewohnt ist, atemberaubend schön und abwechslungsreich. Jeder, der eine Kindheit hatte, egal ob gut oder schlecht, jeder der sich schon mal gefragt hat ob es in Ordnung ist auch mal Trauer zuzulassen, kurzum: einfach jeder kann aus diesem Film etwas mitnehmen. Mit Abstand der beste Film, den Pixar bisher veröffentlicht hat, und für mich persönlich sicher unter den Top 3 des laufenden Jahres.

Infos zum Film

Originaltitel: Inside Out
Erscheinungsjahr: 2015
Genre: Animationsfilm, Drama, Komödie
FSK: 0
Laufzeit: 95 Minuten
Regie:Pete Docter, Ronaldo del Carmen
Drehbuch: Pete Docter, Josh Cooley, Meg LeFauve
Darsteller: Engl.: Amy Poehler, Phyllis Smith, Bill Hader, Mindy Kaling, Lewis Black, Kaitlyn Dias, Richard Kind, Diane Lane, Kyle MacLachlan. Dt.: Nana Spier, Philine Peters-Arnolds, Hans-Joachim Heist, Olaf Schubert, Tanya Kahana, Vivien Gilbert, Bettina Zimmermann, Kai Wiesinger

Trailer: 


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