Spieletest: The Witcher 3 - Wild Hunt

© Bandai/Namco / CD PRojekt Red

Story


The Witcher 3 ist ein Rollenspiel der nächsten Generation mit packender Story und offener Welt, in einem grafisch atemberaubenden Fantasy–Universum voller folgenreicher Entscheidungen und einschneidender Konsequenzen. In The Witcher schlüpft der Spieler in die Rolle des Geralt von Riva, dessen Aufgabe es ist, in einer riesigen offenen Welt voller Handelsstädte, Wikinger–Pirateninseln, gefährlicher Gebirgspässe und vergessener Kavernen das Kind aus einer Prophezeiung zu finden.

Kritik


Rollenspiele im Fantasy-Setting sind ein Genre, mit dem ich aufgewachsen bin. Wie viele Stunden habe ich als Teenager damit verbracht, "Baldurs Gate" durchzuspielen? Ich erinnere mich nicht mehr. Ich weiß, dass ich gut ein Jahr lang mit "Final Fantasy VIII" auf der PS1 beschäftigt war, bevor der Endgegner endlich Geschichte war. Und über meine lange Geschichte mit MMORPGs will ich gar nicht anfangen. In den letzten Jahren allerdings flaute diese Liebe massiv ab. RPGs stecken, zumindest für mich, in einer Art Krise. Und die lässt sich ganz leicht zusammenfassen:

Folge ich einer strikt linearen Geschichte in einer geschlossenen Welt, dann komme ich schnell zum Ziel, lerne aber die Figuren wenig kennen und habe kaum ein Gespür für die Welt, in der ich mich bewege.
Habe ich jede Menge spannende Seitenquests in einer offenen Welt, dann macht das Spaß und ich lerne die Figuren und die Welt kennen. Es verwässert aber auch die Bedrohlichkeit der Hauptaufgabe. Wieso sollte ich mich beeilen, die Welt zu retten, wenn ich zwischendurch Boxweltmeister werden kann?
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Seitenquests im Stile von "Bring mir 10 Eberschnauzen", für die man dann wegen schlechtem Dropglück rund 45 Schweine meucheln muss (nicht jedes Schwein hat scheinbar eine Schnauze), machen das Ganze nicht besser. Zumal solche Quests in den meisten Fällen komplett ohne Auswirkungen auf die Geschichte an sich bleiben. Egal, wie ich als Spieler handle, das Spiel schert sich nicht darum. Grund genug, dem Genre vorerst den Rücken zu kehren. Doch hier tritt "The Witcher 3" auf den Plan.

Anders als die Anderen

Als ich mir 2015 zu Weihnachten eine Playstation 4 schenkte, lag "Witcher 3" einfach im Bundle mit dabei. Meine bis dahin einzigen Berührungspunkte mit Geralt von Riva hatte ich tatsächlich mit den Büchern von Andrzej Sapkowski. Bereits dort hatte mir die Welt an sich gefallen, und auch Geralt erschien mir als vielseitige Figur, die man näher kennenlernen will. Für die Spiele hat es trotzdem nie gereicht, auch wenn die beiden Vorgänger auf meinem PC installiert sind. Der Stapel der ungespielten Games ist in meinem Haushalt gigantisch groß. Mein Freund zockte Witcher 3 bereits munter auf dem PC, also fing ich auch einfach mal an, ohne große Erwartungen. Und was soll ich sagen? Ich wurde überrascht. Zunächst einmal vom Inhalt der Spieleverpackung: Eine Karte der Welt, ein Handbuch, der Soundtrack auf CD, Aufkleber und ein kleines Dankesschreiben vom Entwicklerstudio, weil ich das Spiel gekauft habe. Ich bin ja ein ausgewiesener Freund von solchen Bonusinhalten, die man anfassen kann. 
Jeede Menge Extras in der Spielepackung.
Doch das Spiel hat mich dann, gelinde gesagt, vom Hocker gehauen. Gut drei Monate verbrachte ich damit, bevor dann eines der zahlreichen möglichen Enden über den Bildschirm flimmerte. Je nachdem, welche Entscheidungen man auf seiner Reise getroffen hat, verändert sich nämlich der Spielverlauf. Doch die Konsequenzen des eigenen Handelns sind nicht nur auf dieser großen Ebene spürbar. Auch im Kleinen haben beinahe alle Entscheidungen Auswirkungen. Die Welt ist nicht nur Schwarz oder Weiß, hier gibt es Grauschattierungen ohne Ende. Niemand ist wirklich gut oder böse. Und Geralt mag vielleicht nicht der sympathischste, strahlendste aller Helden sein, aber dieser Hauch von Zynismus, der ihm anhaftet, macht ihn greifbar für den Spieler. Überhaupt sind die Figuren hier toll geschrieben und ausformuliert. Das gilt für die Hauptfigur, es gilt erfreulicherweise aber auch besonders für die Nebenfiguren. 

Figuren, die man mögen muss

Bleiben wir kurz bei Geralt. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein vertrockneter Ast. Man meint, er würde kaum Emotionen zeigen. Besonders als kompletter Neuling in diesem doch recht düsteren Universum stellt sich die Frage, wieso man ausgerechnet mit dieser Figur spielen muss. Hexer sind, das geht sozusagen mit dem Beruf einher, frei von menschlichen Emotionen. Alles würde also darauf hindeuten, dass wir mit einem seelenlosen Roboter spielen müssen. Und doch zeigt Geralt reihenweise Emotionen. Sein Lachen ist vielleicht nicht besonders laut, aber je mehr Spielstunden man mit ihm verbringt, desto deutlicher wird: er ist eine hochgradig komplexe Figur. An gewissen Momenten verlässt sich das Spiel darauf, dass emotional gehandelt wird, um das Ende anders zu gestalten. Immer wieder erhält der Spieler die Möglichkeit, auf seine Belohnungen zu verzichten, ungerecht behandelten zu helfen, und und und. Klar, wer natürlich im Arschloch-Modus spielen will, der kann das tun. Und schauen, wie weit man damit kommt.
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Ein Thema, welches aktuell oft diskutiert wird (und das völlig zu Recht), sind weibliche Figuren in Spielen. Witcher 3 hat sich, besonders im direkten Gegensatz zum ersten Teil (dort konnte man Karten von den Frauen sammeln, mit denen man im Verlauf des Spiels Sex hatte) enorm weiterentwickelt. Ciri ist stellenweise als spielbarer Charakter vorhanden. Und während ihre Gegner sie zwar sehr gerne beleidigen, ist die Lady so schnell und schlagkräftig, dass schon mal die Köpfe fliegen gehen. Yennefer, Triss und Keira sind nur drei Beispiele für weibliche Figuren, die im Spielverlauf immer wieder wichtig werden. Sie sind mächtige Zauberinnen, ihre Worte haben Gewicht und teilweise kämpfen sie besser als Geralt. Klar, man kann mit allen dreien auch in die Kiste springen, man muss aber nicht. Entscheidet man sich dafür, dann sind die Sexszenen geschmackvoll inszeniert. Im Umgang von Geralt mit all diesen Frauen wird außerdem wieder deutlich, welche Bandbreite an Emotionen eigentlich alle Figuren hier durchmachen. Und daraus zieht sich auch ein Großteil der Motivation, weiterzuspielen, denn die geschickte Verknüpfung der Figuren miteinander sorgt für zahlreiche emotionale Treffer. 

Suche in einer dreckigen Welt

"Witcher 3" lebt von seinen Dialogen (die übrigens auch in der deutschen Version grandios vertont sind). Sie bieten nicht nur die Möglichkeit, zahlreiches Hintergrundwissen anzuhäufen. Sie sorgen vor allem auch für den einen oder anderen Lacher und lassen die Figuren näher zusammenrücken. Das hebt das Spiel auf eine persönliche Ebene, und da scheint es gerechtfertigt, dass es am Ende darum geht, dass ein Ziehvater die junge Frau retten will, die für ihn wie eine Tochter ist. Ich will nicht spoilern, aber bei mir sind tatsächlich an zwei Stellen dicke Tränen geflossen. Die Thematik geht nahe, und sie kommt absolut überzeugend und packend rüber. 
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Die Welt, in der die Geschichte sich abspielt, ist dabei herrlich düster. Es gibt zahlreiche Parallelen zu heutigen Gesellschaften. Man schreckt auch vor aktuellen Themen nicht zurück, und so wird man als Spieler mit Sexismus, Rassismus, den Folgen des Krieges und zahlreichen anderen Unerfreulichkeiten konfrontiert. Geografisch betrachtet ist die Spielwelt dann riesengroß. Einzeln voneinander getrennte Gebiete wirken zunächst übersichtlich, doch allein im kleinen Prologdörfchen kann man locker fünf Stunden verbringen, bis alle Quests erledigt sind. Egal ob keltisch inspirierte Inseln, eine riesige Stadt oder endlos langgezogene Felder und Wälder, es bleibt abwechslungsreich. Die NPCs folgen dem Tagesverlauf, wilde Tiere im Wald kämpfen schon mal miteinander. Alles macht den Eindruck einer lebendigen, vollen Welt, die zum Erkunden einlädt. 

Quests 

Natürlich folgt man in erster Linie der Hauptquest. Die bietet auch gut Inhalt, an gewissen Punkten im Spiel denkt man "oha, nun ist es vorbei", und dann folgen einfach nochmal zehn Stunden Inhalt. So richtig verlieren kann man sich in den Nebenquests, und für die besondere Herausforderung zwischendurch sind die etwas anspruchsvolleren Hexeraufträge ideal. Und wer lieber auf Schatzsuche geht, der kann sich Schatzkarten bei den Händlern kaufen und die abgelegensten Höhlen erkunden gehen, um Pläne für bessere Rüstungen zu erhalten. Die Quests sind schön abwechslungsreich. Schade ist nur, dass sie mit steigendem Level nicht mitgehen und es einfach zu viele Aufgaben gibt. Denn jede einzelne macht Laune und offenbart ein Stückchen mehr Hintergrund für die Welt und die Geschichte. So holt man zahlreiche Quests nach, die schon weit unter dem eigenen, aktuellen Level liegen, dementsprechend nutzlos sind dann die Belohnungen. 
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Auch ist es zwar irgendwie nett, dass diejenigen, denen man geholfen hat, einen mit seltenen Familienerbstücken überschütten, irgendwann reicht es dann aber doch. Wenn sich 20 seltene Schwerter in den Satteltaschen befinden wird es Zeit, einen Händler zu finden, der einem all das Zeug irgendwie abkauft. Das kann schon mal dauern, denn die Händler haben nicht unbegrenzt Geld zur Verfügung und es dauert eine Weile, bis ihre Kasse wieder gefüllt ist, nachdem man ihnen fünf Schwerter und zwei Rüstungen angedreht hat. Alternativ zerlegt man die Gegenstände einfach und lässt sich dank der vielen auffindbaren Rezepte bessere Rüstungen und Waffen schmieden. Besonders die speziellen Hexersets sind auf bestimmte Spielstile abgestimmt und als vollständige Sets wirklich überlegen. Und wer sich komplett ablenken will, der findet mit dem integrierten Kartenspiel Gwint einen nahezu unendlichen Quell der Zerstreuung. 

Schwierigkeitsgrad und Steuerung

Die Steuerung auf Konsole braucht eine kleine Weile, bis man sich reingefuchst hat. Wer sich permanent die Belegung der einzelnen Tasten nicht merken kann, der kann sich die wichtigsten Dinge auch einfach einblenden lassen. Einblenden ist überhaupt ein gutes Stichwort, beinahe alle Elemente des Interface lassen sich ausblenden, damit man sich voll auf die Spielwelt konzentrieren kann. Besonders in grafisch anspruchsvollen Szenarien hängt das Spiel manchmal ganz leicht, das wirkt sich dann auch negativ auf die Steuerung aus. Ansonsten ist in diesem Bereich aber alles flüssig und leicht zu erlernen. 
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Der Schwierigkeitsgrad kann ebenfalls eingestellt werden. Wer sich bisher noch nie mit RPGs befasst hat, wird wohl auch auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad hier und da zu knabbern haben. Prinzipiell kommt man aber durch die leichteste Variante des Spiels, indem man sich mit seinen Schwertern den Weg freihackt. So weit, so gut. Doch das Spiel bietet mehr Möglichkeiten. Alchemie lässt Geralt Tränke und nützliche Bomben herstellen. Verschiedene Tinkturen verbessern kurzzeitig die eigenen Waffen. Das Bestiarium gibt Hinweise auf Schwächen der Gegner. Wer sich gut vorbereitet, hat es in den einzelnen Gefechten deutlich leichter. Auch seine Talentpunkte kann man unterschiedlich verteilen. Wer sich gerne durchkloppt wird in die Kampftalente investieren. Auch Magie und Alchemie lassen sich verbessern, dort gibt es nützliche Effekte zu holen, die teilweise auch Einfluss auf den Spielverlauf nehmen können. 

Grafik und Technik

 

Gespielt habe ich auf der PS4, ein paar Angaben zur PC Version kann ich dank doppelt vorhandenem Spiel aber trotzdem machen. Auf der PS4 läuft das Game in 1080p und mit 30 fps. Das sorgt hier und da für einige Ruckler, vor allem wenn es mal schneller zur Sache geht. Geralt kann sich z.B. nicht auf der Stelle umdrehen, er braucht immer einen kleinen Wendekreis. In hitzigen Gefechten oder bei zu eng gebauten Treppen kann das mitunter nerven. Der eine oder andere Grafikbug hat sich ebenfalls eingeschlichen, so bleibt Plötze gerne mal im Zaun hängen und ein oder zwei schwebende Kisten sind mir beim Durchspielen ebenfalls untergekommen. Ärgerlich sind die enorm langen Ladezeiten. Besonders dramatisch ist dies, wenn man gestorben ist, dann sind gut 40-50 Sekunden warten angesagt, bis man aus dem Ladebildschirm wieder herauskommt. Keinerlei Probleme machen hingegen die Quests, diese ließen sich alle problemlos abschließen. Das ändert aber alles nichts daran, dass das Spiel verdammt schön aussieht. Ich habe jedenfalls mehrmals einfach in der Gegend herumgestanden, um die Landschaft genauer zu inspizieren. 
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Wer allerdings das grafische Maximum haben will, der sollte (gute Hardware) vorausgesetzt, zur PC-Version greifen. Die Grafik ist hier nochmal um einiges schöner und detailreicher. Auch die Ladezeiten sind hier kürzer. Wer sich nicht mit der Tastatur am PC stressen will, kann mit dem Controller spielen, die Spieloberfläche passt sich dann an. Riesiger Vorteil am PC: Ihr könnt einen Spielstand von "Witcher 2" importieren.

Fazit


"The Witcher 3" schafft es zielsicher, die meisten langweiligen, immer wiederkehrenden Probleme von Rollenspielen zu umgehen. Eine packende Geschichte, eine vielseitige Hauptfigur, vor allem aber auch die facettenreichen Nebenfiguren und die riesengroße Welt laden zum Entdecken und Verweilen ein. Präsentiert wird all das in einer Grafik, die einen nicht selten atemlos vor dem TV sitzen lässt. Völlig zu Recht mit Preisen überschüttet, ist "Wild Hunt" ganz, ganz nah dran an der Perfektion.

Infos zum Spiel

Originaltitel: Wiedźmin 3: Dziki Gon
Erscheinungsjahr: 2015
Plattformen: PS4, PC, XBox One
USK: 18
Entwickler: CD Projekt Red
Publisher: Bandai Namco


1 Kommentar:

  1. Spiele gerade “Blood and Wine“ und bin dadurch wieder voll im Witcher 3 Fieber.
    Die Dialoge und Quests haben sich so positiv von vielen anderen W-RPGs ab, dass ich gar nicht genau weiß, ob ich noch z.B. mit der HD Version von Skyrim warm werden kann xD

    Ganz großes Spiel!

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