gesehen: Dunkirk

© Warner Bros. Ent.

Story


Zu Beginn von „Dunkirk“ sind Hunderttausende britischer und alliierter Truppen vom Feind eingeschlossen. Am Strand von Dünkirchen haben sie sich bis ans Meer zurückgezogen – und befinden sich in einer ausweglosen Situation.
 
 

Kritik

 
Während das hundertjährige Jubiläum des Ersten Weltkrieges nach wie vor recht präsent in Film und TV herumgeistert und gleich mehrerer Filme über Winston Churchill in der Pipeline warten, liefert Christopher Nolan mit "Dunkirk" einen beklemmenden Einblick in die wohl ultimative Version von "mit dem Rücken zur Wand stehen". Ein klassischer Kriegsfilm ist dabei nicht herausgekommen, doch das Ergebnis ist eindrücklicher und beklemmender als die meisten, klassischen Kriegsfilme, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen waren. Würde man ihn einordnen wollen, dann wohl eher als Survivalfilm, gemischt mit einer ordentliches Dosis Katastrophenfilm.
 
Tommy (Fionn Whitehead) sitzt am Strand fest. © Warner Bros. Ent.
Dazu tragen gleich mehrere Faktoren bei. Zunächst entschied sich Nolan dafür, den Film auf drei zeitliche, miteinander verflochtene Ebenen aufzuteilen. Jede Ebene hat eine andere Laufzeit, zwischen einer Woche und einem Tag und es dauert einen Moment, bis dies im Verlauf deutlich wird.Mit fortschreitender Laufzeit wird so mehr als deutlich, dass ein solcher Film immer nur selektive Einblicke liefern kann, auch wenn hier alles gleichzeitig passiert. Das relative Vergehen der Zeit kann ja durchaus als ein wiederkehrendes Thema bei Nolan benannt werden, hier kulminiert es zusammen mit der Annahme, dass für traumatisierte Menschen das normale Zeitgefüge aus den Fugen gerät, zu einem kraftvollen narrativen Mittel. 

Farrier (Tom Hardy) greift aus der Luft an. © Warner Bros. Ent.
Die kurzen Einblicke in die scheinbar ausweglose Situation der Soldaten wird besonders betont, da kaum gesprochen wird. Vor Pathos triefende Kriegsreden sucht man hier vergebens. Passend dazu sind zwar zahlreiche namhafte Darsteller (und keine Angst, auch Harry Styles überzeugt in seiner Rolle) anwesend, doch keine Performance sticht besonders heraus. Sie alle sind, wie ihre Rollen, Soldaten und erfüllen ihren Zweck. Gesprochen wird nur, was wirklich notwendig ist. Zeitweise ist unklar, um welche Soldaten es sich im Bild genau handelt, ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Effekt gewollt ist. Die Armee ist hier mehr Organismus, weniger Individuum. Namen bekommen die wenigsten Soldaten, insgesamt lassen sie sich wohl an einer Hand abzählen. Zeit für kitschige Rückblenden oder tränenreiche Wiedersehen ist ebenfalls nicht, trotz allem hat "Dunkirk" emotional packende Momente, die wohl für jeden Zuschauer anders ausfallen dürften. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass Tom Hardy erneut die meiste Zeit hinter einer Maske verbringt und so seine Gewohnheiten aus "The Dark Knight Rises" und "Mad Max: Fury Road" weiterführen darf. 
 
Commander Bolton (Kenneth Branagh). © Warner Bros. Ent.
Nolan offeriert sein Werk zusammen mit Kameramann Hoyte van Hoytema, mit dem er bereits bei "Interstellar" zusammenarbeitete, in weitläufigen Bildern, oft aus großer Entfernung. Häufig verkommen die Soldaten beinahe zu Ameisen, so klein wirken sie auf der schier endlosen Weite des Meeres. Dass England von der französischen Küste aus in Dünkirchen nur rund 42 Kilometer entfernt ist, macht diese Tatsache gleich doppelt tragisch. Das Ziel, die Sicherheit, ist zum Greifen nahe, ist in Sichtweite, und trotzdem unerreichbar. Überhaupt spielt die Sicht, das Sehen, hier eine zentrale Rolle. Niemals sieht man auch nur einen einzigen Nazi, am Ende taucht zwar eine Gruppe auf, doch man sieht sie nicht im Fokus und ihre Gesichter werden vom Sonnenlicht ausgeblendet. Nicht einmal ein Hakenkreuz tut dem Zuschauer den Gefallen, als temporäre Zielscheibe für die eigene, aufkommende Aggression und Verzweiflung aufzutauchen. Tom Hardy kämpft als Pilot mit den unmöglichen Sichtverhältnissen im Himmel, wo Sonne und Wolken zur Todesfalle werden können und wo man nicht erkennen kann, ob der abstürzende Kollege es noch aus dem engen Flugzeug geschafft hat. Dazu zehrt der Soundtrack von Hans Zimmer unentwegt an den eigenen Nerven, verkommt zur schrillen Kreide auf der Tafel des Kriegshorrors und gipfelt im Finale in etwas, das sich kaum beschreiben lässt, annähernd aber an Vangelis irgendwann in den 80ern erinnert. Immer präsent ist das unterschwellige Ticken der Uhr und die Bombenabwürfe der feindlichen Flieger drohen, das Trommelfell zu durchstechen. "Dunkirk" ist ein Film, der seine volle Wirkung im Kino und wohl auch nur dort entfalten kann.
 
Dawson (Mark Rylance) rettet zahlreiche Soldaten. © Warner Bros. Ent.
Nolan operiert auch mit zahlreichen Ängsten. Sei es nun Dunkelheit, Feuer, die Angst vor dem ertrinken oder abstürzen, all diese Szenarien bekommen hier ihre Bühne und sind so beklemmend gehalten, dass "Dunkirk" in seiner Ganzheit ein unfassbar unangenehmer Film wird. Nicht, weil er in irgendeiner Hinsicht schlecht wäre, ganz im Gegenteil. Die Kamera verharrt spürbar länger als in Nolans anderen Werken in einer Szene, lässt den Zuschauer jedes Detail aufnehmen. Grau und gedämpftes Blau und zahlreiche Variationen von Sandfarben dominieren das Bild und sorgen dafür, dass in einem Film, der als Kriegsfilm gelabelt wird, Feuer zum erschreckendsten und gleichzeitig rarsten gehört, was man zu sehen bekommt. Dennoch steht im Vordergrund, wie ganz normale Menschen mit Krisensituationen umgehen. Nicht die Gewalt, nicht der Kampf gegen andere Soldaten. Entsprechend bleibt keine Zeit für Heroismen seitens der Soldaten. Wenn überhaupt, dann lässt sich dieser Begriff all denjenigen zuschreiben, die mit ihren privaten, kleinen Schiffen nach Dünkirchen fuhren, um die Soldaten nach Hause zu holen. Ansonsten herrscht die Verzweiflung im Chaos, und Soldaten kommen auf die Idee, einfach nach Hause zu marschieren, hinein in den lebensfeindlichen Ozean, der unentwegt Schaum spuckt, als würde er sagen wollen, genug Menschen aufgenommen zu haben. "Dunkirk" zeigt ultimativ die Rettung von knapp 300.000 britischen Soldaten, er macht aber auch deutlich, dass diese Rettung nicht ohne Opfer auskam, und deren Schicksale brennen sich trotz der minimalistischen, ruhigen Darstellung, noch lange ins Gedächtnis ein. 
 
Peter (Tom Glynn-Carney) und der zitternde Soldat (Cillian Murphy). © Warner Bros. Ent.

Wer sich übrigens für die (wirklich hohe) historische Korrektheit des Films interessiert, der wird in diesem Artikel bei Slate fündig, wo ein Historiker sich detailliert mit dem Film befasst. Sehr lesenswert!
 
  

Fazit


"Dunkirk" dürfte für einige Zuschauer unendlich viel Frustpotenzial bieten. Hintergrundgeschichten der Soldaten erfährt man nicht, die Distanz zu den Figuren ist hoch. Auch Kontext über die Verhältnisse in Dünkirchen gibt es kaum, wer sich also nicht auskennt, ist ähnlich verloren wie die Soldaten am Strand. Doch wer sich damit abfinden kann, der wird mit dem wohl unangenehmsten Film der letzten Zeit belohnt, mit zahlreichen Ängsten konfrontiert und mit einem eindringlichen Soundtrack und schrecklich-schönen Bildern nahezu bombardiert und darf den Kinosaal endlich mal wieder so richtig fertig verlassen.

Infos zum Film


Originaltitel: Dunkirk
Erscheinungsjahr: 2017
Genre: Drama, Action, Kriegsfilm
FSK: 12
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Christopher Nolan
Darsteller: Harry Styles, Mark Rylance, Fionn Whitehead, Tom Hardy, Cillian Murphy, Kenneth Branagh, James D'Arcy,  u.a.
 

Trailer

 

 

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